II. Erster Eindruck und Besonderheiten
Als ich die Kamera mit der Post bekam, wurde sie erstmal intensiv begutachtet. Der Verkäufer hatte nicht übertrieben, die Kamera war in einem sehr gepflegten Zustand, vermutlich ein Sammlerobjekt. Die Zeiten liefen frei und unverharzt, die Blenden konnten problemlos eingestellt werden.
In einschlägigen Internetforen wurde ich eindringlich vorgewarnt, niemals die Verschlusszeit zu verstellen, nachdem der Verschluss einmal gespannt ist, dies zerstört sofort die Mechanik!!
Um mit der Kamera nun einen Trockentest zu machen, spannte ich den Verschluss und suchte dann nach dem Auslöser, konnte ihn jedoch nicht finden. Zwar fand ich das Gewinde zum Einschrauben eines Drahtauslösers, aber keinen separaten Auslöseknopf. Mit einer umgebogenen Büroklammer, die ich vorsichtig in das Gewinde für den Drahtauslöser drückte, konnte ich die Kamera dann auslösen, aber das konnte ja kein Dauerzustand bleiben.
Wieder bekam ich Hilfe in gängigen Internetforen: der Hebel zum Spannen des Verschlusses (unter dem Aufnahmeobjektiv) wird – von oben bzw. hinten betrachtet – nach rechts gezogen, um den Verschluss zu spannen. Drückt man ihn danach nach links, wird die Kamera ausgelöst. Man benötigt also nicht unbedingt einen Drahtauslöser, um mit dieser Kamera fotografieren zu können.
Die Rolleicord Ia ist, dem Alter entsprechend, eine relativ einfache, aber sehr gut verarbeitete Kamera. Belichtungsmesser, Doppelbelichtungssperre oder Selbstauslöser sucht man vergebens, dafür hat es (im Gegensatz z.B. zu den Seagull-Kameras) ein Bildzählwerk, dass verhindert, dass man den Rollfilm zu weit transportiert. Bei der Seagull nutzt man ein Rotfenster an der Kamerarückwand, um den Film entsprechend passend vorzuspulen.
Die Mattscheibe des Suchers gilt bei allen Rolleicords vor Modell Va als ziemlich dunkel. Man kann sie zwar gegen eine hellere Mattscheibe austauschen (lassen), aber dies kostet auch in den günstigsten Fachwerkstätten über 80 €, höhere Preise sind immer drin. Die Arbeit selbst zu machen ist möglich, erfordert einiges Geschick und zunächst das Glück, eine solche Mattscheibe erwerben zu können. Hierbei ist es wichtig, dass die neue Mattscheibe exakt die gleiche Dicke wie die alte hat, sonst ist die Kamera dejustiert. Die in meiner Rolleicord Ia eingebaute Mattscheibe ist noch akzeptabel hell, nur wenn die Sonne hell scheint, wird es nicht ganz einfach, den Bildausschnitt exakt erkenne zu können. Etwas Abhilfe schafft die Opti Media Fresnel-Linse F51, die es u.a. bei Foto Brenner oder bei AstroMedia für 1,80 € zu kaufen gibt. Diese Kunststoffscheibe wird zurechtgeschnitten und auf die Mattscheibe gelegt. Sie kann die Mattscheibe zwar insgesamt nicht heller machen, aber durch Rillen in der Scheibe einerseits dafür sorgen, dass die Sucherecken etwas heller werden, andererseits wird die Scharfstellung um ein Vielfaches genauer. Da mir die Fresnel-Linse sehr gute Dienste leistet, bleibt meine Mattscheibe erstmal drin.
Eine zweite Sache, auf die man nach achten sollte, ist der Spiegel, der das Bild durch das Sucherobjektiv auf die Mattscheibe projiziert. Der läuft im Alter regelmäßig an. Der Eingriff ist aber nicht ganz ohne, denn wenn man hier nicht aufpasst oder einfach Pech hat, dann verstellt man schnell die Justierung der Kamera. Noch gefährlicher wird es, wenn man den Spiegel ausbauen und tauschen will. Hier ist eine Dejustierung fast schon vorprogrammiert, die nur mit einem enormen Reparaturaufwand wieder korrigiert werden kann. Der Spiegel kann übrigens nicht einfach mit Wattestäbchen und Glasreiniger oder ähnlichem gereinigt werden, denn er ist oberflächenbeschichtet – würde man auf diesem Wege herangehen, würde man die Beschichtung lösen und hätte sofort einen matten Spiegel. Da mein Sucher noch ausreichend hell ist und ich daher nicht glaube, dass mein Spiegel bereits matt sein könnte, lasse ich diesen Eingriff lieber bleiben.
Die Ledertasche, die bei der Kamera dabei war, stellte sich als echte Rolleicord-Tasche mit hervorragender Passform und entsprechender Namensprägung heraus. Die Nähte der beiden Seitenteile waren fast komplett aufgelöst, aber mit doppelt genommenen, reißfesten Polyestergarn habe ich die Tasche in 2 Stunden anstrengender (und zum Teil blutiger) Arbeit wieder so zusammen genäht, dass die Nähte wieder wie neu sind. Dann noch das Leder mit Pflegemittel aufgemöbelt und schon kann sich die Tasche wieder sehen lassen.