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Canon EF 75-300/4,5-5,6 USM IS - lohnende Gebrauchtanschaffung??

in Erfahrungsberichte 18.12.2007 02:02
von Grisu • Admin | 9.337 Beiträge
Wenn ich überlege, was ich in den ersten 3 Jahren aktiver SLR-Fotografie schon an Objektiven durchhabe, komme ich schon auf so manches. Im Telebereich war mein Erstes ein Soligor 100-300/5,6-6,3, ein Schiebezoom mit gar nicht so schlechter Leistung, aber lichtschwach. Weil ich vorübergehend vom Objektivwechsel genervt war, hab ich das Soligor verkauft und bin beim Hyperzoom gelandet (http://www.hobbyphoto-forum.de/t161f35-S...mm-asph-IF.html). Irgendwann wollte ich mehr und hab auch das wieder vertickt, bin im Standardbereich beim Tamron 28-75/2,8 gelandet (http://www.hobbyphoto-forum.de/t219f35-T...h-XR-Di-IF.html) und hab mir für die seltenen Teleeinsätze das Tamron 70-300/4-5,6 meines Vaters ausgeliehen. Für kleinere Teleeinsätze hatte ich ja mein EF 100/2 USM.

Bis Sommer 2007. Für den Kurzurlaub an der Nordsee und später in Dänemark wollte ich wieder ein Telezoom mit mehr als 100 mm. Meine Traumkandidaten waren das EF 70-200/4 L USM (extrem hohe Abbildungsleistung bereits ab Offenblende) oder das EF 70-300/4-5,6 USM IS, für beide hätte ich gebraucht noch ~500 € hinlegen müssen. Das EF 70-300/4-5,6 USM IS kostete neu ab 580 €, war aber über Monate fast durchweg ausverkauft, selbst heute bekommt man es nicht immer.

Da meine Wünsche größer waren als meine Geldbörse, hab ich mir den Vorgänger vom Zweitgenannten näher angeschaut, das EF 75-300/4,5-5,6 USM IS. Das hatte zwar keinen überragend schnellen AF, aber da ich viel manuell fokussierte, war mir das zunächst egal. Die Lichtschwäche im Vergleich zum 70-200/4 erhoffte ich durch den Bildstabilisator ausgleichen zu können. Das Objektiv sollte bezahlbar und sowohl für analoge als auch digitale SLR's tauglich sein, daher fielen auch das EF 70-210/3,5-4,5 und das EF 70-210/4 heraus, die immer wieder mal Kompatibilitätsprobleme mit DSLR's haben. Für 300 € gehörte es dann mir und sollte eine Lösung für die nächsten Jahre sein.

Nach ungefähr 7 Monaten ziehe ich nun das Resumè:

1. Verarbeitung
Die Verarbeitung des EF 75-300/4,5-5,6 USM IS ist für den Preis gut. Der Zoom- und auch der Fokusring sind ohne Spiel, das Bajonett und das Gehäuse aus Metall, die Schalter für AF/MF und Bildstabi hochwertig. Lediglich im weit ausfahrenden Tubus ist bei voller Brennweite ist minimales Spiel zu spüren, das aber nicht wirklich stört.

2. Handhabung
Die Schalter für den AF/MF und den Bildstabi sind intuitiv erreichbar und leicht zu bedienen, das Objektiv gut zu händeln. Dank dem eingebauten Bildstabi hat man ein ordentliches Gewicht in der Hand, dass einem Ruhe geben, im Wind an der See aber nur schwer ruhig gehalten werden kann, insbesondere bei voll ausgefahrenem Tubus. Die Frontlinse dreht sich mit, so dass der Einsatz eines Polfilters nur erschwert möglich ist. Die innen mit Samt ausgekleidete Streulichtblende wird eingerastet, erschwert die Nutzung eines verstellbaren Filter aber zusätzlich.

3. Der Autofokus
Spätestens beim AF kommt Irritation auf - auf dem Objektivdeckel stand doch Ultrasonic (Ultraschall) ?? Das Objektiv fokussiert bekanntermaßen langsam, damals hat sich Canon in der Amateurklasse wirklich nicht mit Ruhm bekleckert. Als ich es kaufte, wußte ich das aus manchen Erfahrungsberichten, ahnte aber nicht, dass es soooo langsam ist... Zudem ist es relativ laut, zumindest im Vergleich zum perfekt arbeitenden USM-Motor des EF 100/2 USM. Der Autofokus ist bei ausreichend Licht / ausreichend Kontrast treffsicher, bei eingeschränkten Lichtverhältnissen (z.B. Low-Key im Studio) ist man mit der manuellen Fokussierung regelmäßig schneller und treffsicherer. Da ich mein Fokussierverhalten zur Zeit von überwiegend manuell auf überwiegend automatisch umstelle, nervt es manchmal. Von den sonst üblichen Vorteilen eines Ultraschallmotors kommt nicht viel rüber.

4. Die Abbildungsleistung
Die Abbildungsleistung des Objektives ist wirklich gut, der Nachfolger EF 70-300/4-5,6 USM IS kann sich hier kaum absetzen. Spätestens ein bis eineinhalb Stufen abgeblendet erhält man einen hohen Schärfegrad - für die Amateurliga locker ausreichend und höher, als die meisten Günstigtelezooms von Sigma, Tamron, Tokina und auch Canon. Die Brillianz kommt ebenfalls nicht zu kurz, sinkt aber in den hohen Telebereichen (~250 - 300mm) etwas ab. Interessant ist, dass das EF 75-300/4,5-5,6 USM IS bei den Anfangsbereichen (um die 80 mm) sichtbar verzeichnet, vom leichten Telebereich hätte man das nicht unbedingt erwartet. Es ist nicht gewaltig und fällt nur auf, wenn man parallele Formen fotografiert, aber man muss darauf acht geben.

5. Der Bildstabilisator (IS)
Der Bildstabilisator war der Grund schlechthin, warum ich dieses Objektiv den vergleichbaren Objektiven ohne IS vorgezogen habe. Denn vom Bildstabilisator habe ich mir einen Gewinn an Lichtstärke durch niedrigere Verschlusszeiten erhofft, die mir sonst im Vergleich zum EF 70/200/4 L (was ich mir nicht leisten konnte) gefehlt hätten. Und tatsächlich schien der Bildstabi bei ersten Tests gar nicht schlecht: in der Wohnung fotografiert, bekam ich selbst bei 300 mm mit einer Verschlusszeit von 1/60 bis 1/90 Sek. ordentlich scharfe Aufnahmen hin, bei 75 mm sind bis 1/30 drin. Hierbei beginnt der Bildstabilisator leicht brummend seine Arbeit, sobald man den Auslöser antippt und scharf stellt, das Brummen klingt sofort nach Abschluss der Aufnahme ab.

Dieses Objektiv ist mein bislang einziges mit Bildstabi, und so fehlt mir die Vergleichsmöglichkeit. Aber es sei gesagt, dass die Ernüchterung an der Nordsee kam: bei z.T. kräftigem Wind war es selbst mit eingeschaltetem Bildstabilisator bei 1/250 und ~200 mm Brennweite schwierig, eine scharfe Aufnahme hinzubekommen. Auch bei wenig bis keinem Wind sollte man in den hohen Telebereichen außen nicht unter 1/125 Sek. kommen. Das ist an sich immer noch recht beachtlich.
Bei langen Belichtungszeiten jedoch kann man den Bildstabilisator völlig vergessen. Ich hab bei mehreren Nachtfotografie-Touren das EF 75-300/4,5-5,6 USM IS eingesetzt und Motive mit Verschlusszeiten von 1-2 Sekunden bis zu 30 Sekunden Belichtungszeit mal ohne, mal mit Bildstabilisator gemacht. Das Ergebnis: nicht eine einzige Nachtaufnahme mit Bildstabi war scharf, zum Teil waren sie sogar arg verwackelt. Hingegen waren alle Vergleichsaufnahmen mit abgeschaltetem Bildstabi scharf bis sehr scharf.

Dazu kommt noch ein weiteres Manko: Aufnahmen mit Bildstabilisator, so hab ich an der See merken müssen, weisen eine eigentümliche Eigenschaft auf. Es lässt sich schwer beschreiben, wie ein Bild mit Bildstabi aussieht, ich werde in den nächsten Tagen mal ein, zwei Aufnahmen nachreichen. Während die Bildmitte scharf ist, sind zum Bildrand hin Störungen im Bild. Sie erinnern an Bildrauschen bei DSLR's, ohne dass dies zutrifft. Vielmehr ist es eine Art "Krisseln", welches in den Bildern zu erkennen ist. Sollte dies ein typisches Merkmal von Bildstabilisatoren sein, dann ist dies mein vorerst letztes Objektiv mit so einem Feature !!

Last but not least muss man mit dem Strombedarf aufpassen, fotografiert man ständig mit Bildstabilisator, zieht es einem schnell den Saft leer - bei Akku's nervig, bei Lithiumbatterien ärgerlich und auf Dauer teuer.

Fazit zum Bildstabi: er sollte mein Hoffnungsschimmer sein, um (im Vergleich zum 70-200/4 L) fehlende Lichtstärke auszugleichen. Statt dessen habe ich ihn fast immer abgeschaltet.

Zusammenfassung:
Von der Verarbeitungsqualität, der Handhabung und der Abbildungsleistung ist das EF 75-300/4,5-5,6 USM IS eine echte Alternative zum Nachfolger, dem EF 70-300/4-5,6 USM IS. Der Gebrauchtpreis ist deutlich günstiger, zumal das EF 70-300/4-5,6 USM IS sehr gefragt und neu regelmäßig ausverkauft ist. Wer also auf sein Geld achten muss und mit einem nicht so schnellen Autofokus leben kann, sollte sich dieses Objektiv einmal näher anschauen.

Beachtet werden sollte der Einsatzzweck: das Objektiv wird wohl nichts für Sportfotografie sein, hierzu ist es zu langsam, und den Käufer sollte es nicht abschrecken, zumindest gelegentlich einmal manuell fokussieren zu müssen.

Auf keinen Fall (und ich schätze mal, das gilt auch für den Nachfolger) sollte man sich vom Bildstabilisator zum Kauf verführen lassen. Er ist eine Notlösung, hier auch gelegentlich als solche zu gebrauchen, aber mehr auch nicht.

Eine Lösung für die nächsten Jahre ?? Für viele begeisterte Nutzer auf jeden Fall - für mich ?? Ich glaub nicht. Seit ich gesehen habe, dass das EF 70-200/4 L seit erscheinen der IS-Version nun gebraucht ab aktuell 450 € zu haben ist, weiß ich endlich, wo ich hin will: im Telebereich auf jeden Fall in die Canon-Profiliga.

Pro:
- Abbildungsleistung hoch, Brillianz über weite Bereiche absolut in Ordnung
- Gebrauchtpreis ist angenehm, man bekommt viel Leistung fürs Geld
- Verarbeitung ist gut
- Bildstabilisator ist als Notlösung vorhanden
- hohes Gewicht (lässt sich gut halten)

Contra:
- Bildstabilisator ist nicht viel mehr als eine Notlösung
- Autofokus ?? Ich hol mal eben Kaffe !!
- Treffsicherheit des Autofokus ist eingeschränkt
- hohes Gewicht (lässt sich mühselig schleppen)
- Polfiltereinsatz durch drehende Frontlinse erschwert und nur ohne Streulichtblende sinnvoll nutzbar



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zuletzt bearbeitet 18.12.2007 03:32 | nach oben springen

#2

RE: Canon EF 75-300/4,5-5,6 USM IS - lohnende Gebrauchtanschaffung??

in Erfahrungsberichte 19.12.2007 03:08
von Grisu • Admin | 9.337 Beiträge



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