#1

Die Entwicklung von Colorumkehrfilmen

in Dunkelkammer & Entwicklung 23.07.2006 03:54
von Niko • Mitglied | 1.049 Beiträge

Ich habe gestern bereits in einem anderen Thread das Prinzip des C-41-Prozesses erläutert und wie versprochen kommen auch Diafilme noch dran.
Wie man ein Positiv erhält, ist eigentlich klar. Über die doppelte Herstellung eines Negativs, erst das Negativ des Motivs, dann eines des Negativs. Soweit klar. Beim Negativ-Positiv-Verfahren kein Problem. Aber wie sieht es beim Umkehrprozess aus? Umkopiert wird hier nichts. Der Name sagt es aber im Prinzip schon, im Umkehrprozess wird ein Negativ umgekehrt. Damit dies möglich ist, brauchen wir logischerweise erstmal ein Negativ. Jeder Umkehrfilm wird zunächst einer Schwarzweißentwicklung unterzogen (das ist dennoch keine Ausrede, um den nächsten Diafilm in Rodinal zu tunken). Danach wird dieses Negativ entfernt, es ist ein reines Zwischenprodukt. Es wird also ausgeblichen und der Film wird geklärt. Übrig ist jetzt noch das unbelichtete Silber. An den Stellen, wo ein mittlerer Grauton im Motiv zu sehen war, ist immer noch etwa die Hälfte des Silbers vorhanden, an der Stelle, wo im Motiv ein starkes Licht war und bei der Erstentwicklung eine volle Schwärzung entstand, ist nach dem Bleichen nichts mehr, etc. Soweit klar, denke ich. Wenn wir den Film nun nochmals entwickeln würden, dann passierte.... nix, genau. Die belichteten Silberhalogenide sind ja nicht mehr vorhanden. Die Frage ist, wie wir da jetzt noch eine Entwicklung herstellen können. Die Lösung ist denkbar einfach, eine Belichtung muss her. Früher zog man an dieser Stelle tatsächlich den Film aus der Dose und belichtete ihn eine Minute mit einer 60-100W Lampe. Wer schon mal SW-Dias selber entwickelt hat oder einen alten Entwicklungsprozess durchgemacht hat, weiß, welch seltsam unruhiges Gefühl man in der Magengegend verspürt, wenn man einen nicht ganz verarbeiteten Film vor eine Lampe hält...
Da die technische Entwicklung aber nicht stehen bleibt und die Belichtung ein großer Störfaktor war (falsche Abstände, Zeiten und Lampenstärken brachten Farbverschiebungen), schafft man das mittlerweile im E-6-Prozess chemisch und muss nicht mehr belichten. Wir haben also Glück gehabt. Wer SW-Dias entwickelt, kann sich aber nicht drücken.
Nun folgt die Farbentwicklung. Im Prinzip wird jetzt ein ganz normaler Farbnegativprozess angehängt. Wir entwickeln farbig, es passiert das gleiche wie im C-41-Prozess. Dann bleichfixieren wir, wässern und trocknen.
Auch hier sind die Positive zunächst milchig verschleiert, das legt sich beim Trocknen.
Kommt es beim Colornegativprozess schon extrem auf die Sorgfalt an, ist es beim E-6-Prozess noch peinlicher zu beachten. 0,2°C Abweichungen von der Temperatur können schon Farbverschiebungen bringen, daher sollte man möglichst exakt temperieren. In praxi sieht es so aus, dass ich auch schon mit der Dosenvorwärmmethode, die ich im C-41-Bericht erwähnte, Dias entwickelt habe ohne Probleme, aber man sollte es lieber nicht riskieren. Negative kann man beim Vergrößern ausgleichen, bei Dias ist es nicht so. Es sei denn, man erstellt Abzüge, aber in der Projektion macht sich das sofort bemerkbar.
Da wir nun also wissen, dass die Diafilmverarbeitung auch kein Hexenwerk ist, bleibt die Frage offen, wieso sich Kodak die Entwicklung des Kodachrome-Films immer noch vorbehält. So schwer kann das auch nicht sein, auch wenn da keine Farbkuppler drin sind, oder? Oh doch, es ist. Beim Kodachrome ist es dem Amateur so gut wie unmöglich, reproduzierbare Ergebnisse zu erzielen. Aus folgendem Grunde:
Der Kodachrome hat keine Farbkuppler eingelagert, sie müssen also extern zugeführt werden, dies geschieht bei der chromogenen (farbgebenden) Entwicklung, diese kann aber nicht in einem Schritt erfolgen, wir brauchen schließlich drei Farbstoffe. Also muss auch dreimal farbig entwickelt werden.
Außerdem kommen wir um eine Belichtung nicht herum, zunächst wird der Unterguss (rotempfindlich) mit rotem Licht belichtet, dann folgt eine Entwicklung, die den blaugrünen Farbstoff erzeugt. Es schließt sich eine Belichtung des Obergusses (blauempfindlich) mit blauem Licht an. Es folgt eine Entwicklung, die den gelben Farbstoff erzeugt. Abschließend wird der der grünempfindliche Mittelguss weißem Licht ausgesetzt und es erfolgt eine Entwicklung, die den Purpurfarbstoff erzeugt. Dann wird das Bildsilber herausgebleicht und fixiert.
Dieses Verfahren ist ein Geniestreich, aber so komplex, dass es vom Amateur nicht durchgeführt werden kann. Es bedarf extrem hoher Präzision und viel Erfahrung, um hier zu gleich bleibenden Ergebnissen zu gelangen.

Niko


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#2

RE: Die Entwicklung von Colorumkehrfilmen

in Dunkelkammer & Entwicklung 24.07.2006 00:05
von Grisu • Admin | 9.337 Beiträge

Hi Niko,

während ich mir nach Deiner Erklärung ggfs. zutrauen würde, einen Farbnegativfilm zu entwickeln, denke ich mal, überlasse ich Diafilme weiterhin dem klassischen Fotolabor. Die Gefahr, durch eine minimale Temperaturschwankung abweichende und nicht mehr projizierbare Ergebnisse zu bekommen, ist mir doch etwas zu hoch. Dafür, dass die Diaentwicklung im Großlabor meist gute Ergebnisse erzielt und nicht teuer ist, glaub ich nicht, dass ich es zu Haus genauso gut und gleichmäßig hinbekommen könnte...

Warum erfindet jemand ein derart kompliziertes Verfahren, um diese Kodak-Diafilme zu entwickeln ?? Was bringt einem dieses Verfahren ?? Wo ist der überragende Vorteil, der dieses Verfahren rechtfertigt ??

Ciao Sven



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#3

RE: Die Entwicklung von Colorumkehrfilmen

in Dunkelkammer & Entwicklung 24.07.2006 00:39
von Niko • Mitglied | 1.049 Beiträge

Hallo Sven,

nun, dieses Verfahren stellte damals, als man sich noch nicht ganz schlüssig war, wie man nun auf dem einfachsten Wege zu brillanten Positiven kommen konnte, wesentliche FOrtschritte dar. Es war nicht notwendig, selber entwickeln zu können, weil Farbfilme damals sowieso eher speziell waren und durchaus ein teures Luxusgut, da überließ man das lieber den Profis. Das große Problem waren die Farbkuppler. Agfa schaffte das mit den ölgeschützten Farbkupplern, Willmanns und Schneider (der später bei Tellko in der Schweiz arbeitete) forschten da sehr lange dran. Das Prinzip der chromogenen Entwicklung war dagegen schon lange bekannt. Godowsky und Mannes, die Schöpfer des Kodachrome nutzten dieses Verfahren, um ihren Mehrschichtenfilm zu entwickeln, dass dabei mehrere Schritte nötig waren beruht auf der Tatsache, dass die Farbkuppler eben nicht in den Schichten eingelagert sind. Das war nicht möglich, weil sie sonst zwischen den Filmen diffundierten und eine saubere Farbtrennung unmöglich war. Das Kodachrome-Verfahren hatte also durchaus seine Berechtigung, allerdings ist es nicht für den Negativ-Positiv-Prozess geeignet, weshalb man ja sofort dazu überging, ein weiteres Verfahren (Ektachrome) zu entwickeln. Das Agfacolor-Verfahren eignete sich hierfür und man war während des Krieges schon serienreif, das Produkt erreichte den Markt aber erst in der Nachkriegszeit, Agfa als Teil der I.G. Farben hatte durchaus kriegswichtige Bedeutung, unter anderem in der Faserherstellung, für Rüstungszwecke (im Verschlusswerk wurden auch Bombenzünder hergestellt) und für Infrarotfilme, mit denen die Küste ENglands von Frankreich aus fotografiert werden konnte. Daher verzögerte sich die Markteingführung.

Niko


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#4

RE: Die Entwicklung von Colorumkehrfilmen

in Dunkelkammer & Entwicklung 25.07.2006 12:13
von Photoamateur • Mitglied | 3.030 Beiträge

Agfa hatte keine ölgeschützten Farbkuppler das war Eastmancolor 1942, sondern chemisch diffusionsfest gemachte, das muß man sich wie folgt vorstellen.

Agfa:
Verlängerung der Molekülketten durch einfügen von Atomen

Kodak:
einbetten der Moleküle in Öltröpfchen


Modellhaft stellt man sich einen Farbfilm dann wie ein Sieb vor, beim einen fallen die Moleküle nicht mehr durch die Maschen, weil die "Ölmäntel" das verhindern, beim anderen sind die kettenförmigen Moleküle zu lang um durchzufallen, folglich bleibt alles in der richtigen Schicht.

gut Licht

Photoamateur



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#5

RE: Die Entwicklung von Colorumkehrfilmen

in Dunkelkammer & Entwicklung 26.07.2006 00:34
von Niko • Mitglied | 1.049 Beiträge
Hallo,

ja, das stimmt wohl. Agfa hatte den Fettschwanz, ein Blaugrünfarbkuppler hatte beispielsweise einen 16-fachen CH2(Frage: Wie realisiere ich hier die Schreibweise von Indices?). Echte ölgeschützte Farbkuppler sehen anders aus. Zugegeben, leichter Etikettenschwindel, aber auch in der Literatur spricht man von ölgeschützten Kupplern bei Agfacolor. Erste Versuche mit Ölbildnern machte man bei Agfas Dauerbrenner CT18 Ende der 60er Jahre in einer Charge (war da nicht was mit Tropen? Andere Baustelle, auch ein Aspekt, Lösung kommt am Samstag.)

Niko

[EDIT] Nachdem ich den Threat grade lange gesucht habe, habe ich mir mal erlaubt, ihn in die Dunkelkammerpraxis zu verschieben; ich hoffe, das ist okay.


In der räumlichen Askese zeigt sich das Wesen des Sammlers.


zuletzt bearbeitet 12.02.2007 02:17 | nach oben springen






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